Wo Deutschlands Wirtschaft Spitze ist
Veröffentlicht 30. April 2026Zuletzt aktualisiert 2. Mai 2026
Gründe, an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie zu zweifeln, gibt es schon seit Jahren. Wie bei der Photovoltaik - in dieser Branche spielt die Musik längst in Fernost. Aktuell ist es die Automobilindustrie, die zunehmend den Anschluss an die Entwicklung vor allem in China verliert.
Dabei gibt es noch deutsche Großunternehmen, die weltweit eine führende Rolle spielen: SAP, weltgrößter Anbieter von Unternehmenssoftware, die Deutsche Telekom, führend im Bereich Telekommunikation oder die DHL Group, nach Selbstauskunft die weltweite Nummer eins in der Logistik und im internationalen Expressversand.
So liegt Deutschland immer noch unter den Top-Fünf der größten Volkswirtschaften weltweit. Abgehängt von den USA und China zwar, aber: The Best of the Rest. Nur liegt das nicht allein an den wenigen großen Namen, sondern eher an den kleinen Unternehmen.
Das Land der versteckten Champions
Und von diesen "heimlichen Weltmeistern" (Hidden Champions) gibt es in Deutschland viele. Die folgende Grafik zeigt, dass schon seit Jahren nicht einmal die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer in einem großen Unternehmen arbeitet. Die meisten schaffen in und für einen kleineren Betrieb - für den deutschen Mittelstand eben.
"Über 99 Prozent der Unternehmen in Deutschland sind kleine und mittlere Betriebe. 50 Prozent der Nettowertschöpfung entfallen auf den Mittelstand", sagt Bastian Pophal zur DW. Er ist Hauptgeschäftsführer der CDU-nahen MIT (Mittelstands- und Wirtschaftsunion), dem größten parteipolitischen Wirtschaftsverband Deutschlands.
"Deutschland hat weiterhin viele mittelständische Weltmarktführer, die international oft unverzichtbare Zulieferer sind. Solche Unternehmen zeigen, dass Deutschlands Stärke nicht nur in großen Konzernen liegt, sondern vor allem in hochspezialisierten Mittelständlern."
Das Beispiel von Zeissmit seinen hochspezialisierten Komponenten zeigt, dass man nicht unbedingt ein Weltkonzern wie TSMC sein (Taiwan Semiconductor Manufacturing Company) sein muss, um in der Wertschöpfung eine wichtige und bestimmende Stellung einzunehmen.
Maximilian Flaig, Pressesprecher des Deutschen Mittelstands-Bundes (DMB), sagte der DW, die Hidden Champions könnten mehrere Stärken vereinen: "Eine global einzigartige duale Ausbildung, hohe technische Kompetenz, ausgeprägte Zuverlässigkeit und ein bemerkenswertes Anpassungsvermögen".
Entscheidend, so Flaig, sei aber: "Der Mittelstand denkt langfristig, handelt verantwortungsbewusst und bleibt gleichzeitig nah an seinen Märkten und Mitarbeitenden. Das ist sein zentraler Wettbewerbsvorteil."
Deutsche Gewinner
Fragt man bei mittelständischen Unternehmen nach, zeigt sich ein recht homogenes Meinungsbild. Martin Herrenknecht, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Herrenknecht AG, dem Hersteller von Tunnelbohrmaschinen, zählt gleich mehrere Pluspunkte der Hidden Champions auf.
"Hohe Innovationskraft, ausgeprägte industrielle Kompetenz, Qualität und Zuverlässigkeit. Das wird in der ganzen Welt anerkannt und geschätzt." Deutschland, resümiert er der DW gegenüber, sei "nach wie vor das Land der Tüftler und Macher".
Ein weiterer Pluspunkt sei die Kundennähe, die kein größeres Unternehmen bieten könnte: "Bei uns ist der Kunde König - und wenn es irgendwo klemmt, fahren wir auch nachts zur Baustelle und lösen das Problem. Das ist für uns eine Frage der Unternehmer-Ehre."
Ottobockist ein anderer Hidden Champion und weltweit führend in der Prothetik. Die Firma stattet etwa fast alle Athleten bei den Paralympics mit Prothesen, Orthesen oder Rollstühlen aus.
Unternehmenssprecherin Merle Florstedt sagte der DW, ihre Firma stehe "für eine Kombination aus fundierter Ausbildung, großer Innovationskraft und hoher Qualität." Vor allem könne man sich "an unterschiedliche internationale Märkte, regulatorische Rahmenbedingungen und Kundenbedürfnisse schnell anpassen."
Verpasste Chancen
Es gibt viele Entwicklungen aus Deutschland, die international erfolgreich waren und oft noch sind. Darunter sind etwa das Audiokompressionsverfahren MP3 oder die Magnetschwebebahn, die nun aber in China fährt und nicht in Deutschland. Es fällt auf, dass hierzulande zwar oft und viel entwickelt wurde, aber der für den finanziellen Erfolg erforderliche Geschäftssinn offenbar nicht immer ausreichte - der Rubel rollt dann eben woanders.
Der deutsche Mittelstand schaut, folgt man den von der DW befragten Experten, dennoch optimistisch in die Zukunft. "Wir sind fest davon überzeugt: Der deutsche Mittelstand kann dem internationalen Wettbewerbsdruck auch in Zukunft standhalten", sagt etwa Bastian Pophal von der Mittelstands- und Wirtschaftsunion.
Beim Deutschen Mittelstands-Bund sieht man das ähnlich. Maximilian Flaig: "Angetrieben durch stabile Netzwerke, regionale Verwurzelung und eine klare langfristige Strategie bleibt der Mittelstand ein verlässlicher Wachstumsmotor."
Was die Politik aber noch leisten soll
Martin Herrenknecht hat da genaue Vorstellungen: "Was wir jetzt brauchen, ist der Mut zu echten und umfassenden Strukturreformen. Dazu zählen vor allem verlässliche und beschleunigte Investitionen in unsere Infrastruktur - in Bahn, Straßen und Digitalisierung."
"Dazu gehören wettbewerbsfähige Energiepreise, stabile und belastbare Lieferketten sowie Planungssicherheit für Investitionen", sagt Elisa Meglio vom Spezialglashersteller Schott AG. "Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, sehen wir auch langfristig gute Chancen, im internationalen Wettbewerb erfolgreich zu bleiben."
Ottobock-Sprecherin Merle Florstedt fasst es so zusammen: Damit der Mittelstand künftig international wettbewerbsfähig bleibt, sei es entscheidend, Innovationsgeschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit hochzuhalten.