Wohin steuert die Welt nach der Ära des Multilateralismus?
27. August 2026
Als US-Präsident Donald Trump im September 2025 eine Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen halten wollte, kam es zu einem symbolhaften Moment: Just als Trump die Rolltreppe im Foyer des New Yorker UN-Hauptquartiers betrat, versagte sie den Dienst. Und dann streikte bei der Rede auch noch der Teleprompter, sodass der ehemalige Fernsehstar den versammelten Staats- und Regierungschefs halb im Scherz zurief: "Das sind die beiden Dinge, die ich von den Vereinten Nationen bekommen habe: eine kaputte Rolltreppe und einen kaputten Teleprompter."
Die UN sind die zentrale Institution der nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA mitgeprägten Nachkriegsordnung, die auf Multilateralismus und Interessenausgleich setzt. Bei Gründung 1945 war das Ziel die Verhinderung von Kriegen, später kamen zahllose Bereiche wie weltweite Gesundheitsvorsorge, Entwicklung und Klimaschutz hinzu. Doch die UN-Organe, allen voran der Sicherheitsrat, gelten als ähnlich renovierungsbedürftig wie das Hauptquartier am East River selbst.
Der Aussetzer der Rolltreppe sei wohl versehentlich von Trumps eigenem Kameramann ausgelöst worden, wies die angegriffene Institution die Schuld später von sich. Und so gehen auch abseits dieses symbolhaften Moments die Deutungen auseinander, ob Trump mit seiner teils isolationistischen America-First-Ideologie vor allem ein Symptom für die bröckelnde multilaterale Weltordnung ist, oder ein zerstörerischer Akteur. Weit jenseits von Rolltreppen und Telepromptern diskutieren Politiker und Analystinnen weltweit: Ist der Multilateralismus am Ende - und wenn ja, was kommt danach?
Neue Weltordnung in fünf Jahren - oder anhaltende Unordnung?
Der finnische Präsident Alexander Stubb, eines der wenigen Staatsoberhäupter mit einem Doktorgrad der Internationalen Beziehungen, vertritt die These, dass es zur Zeit ein Machtvakuum gebe, aus dem sich in den nächsten fünf Jahren eine neue Weltordnung herauskristallisiere.
Andere Experten rechnen mit einer längeren Neujustierung. "Dieser Moment ist kein kurzes Interregnum zwischen einer US-geführten Ordnung und einer von China geführten", schrieb kürzlich der Direktor der Denkfabrik European Council on Foreign Relations, Mark Leonard, in einem Aufsatz im Magazin "Foreign Affairs": "Eine Zeit lang wird die Welt ohne jegliche Ordnung da stehen." Leonard warnte vor der "Versuchung, eine Vielzahl von geografischen, ökonomischen und technologischen Druckpunkten als Waffe einzusetzen."
Reformstau, Regelverstöße und Rückzüge
"Das Rahmenwerk des Multilateralismus, das mit der Nachkriegszeit und der goldenen Ära der UN verknüpft ist, ist Geschichte", meint auch Teresa Nogueira Pinto, Globalisierungsexpertin mit Afrika-Schwerpunkt an der Universida de Lusófonia in Lissabon. "Es funktioniert nicht mehr. Die meisten Friedensmissionen sind gescheitert, und es ist schwer vorzustellen, wie die dringend nötige Reformierung der UN umgesetzt werden könnte." Als Beispiel nennt Pinto im DW-Interview den Sicherheitsrat, der nicht mehr die Welt im Jahr 2026 abbilde. "Doch wer sollte beitreten? Indien? Pakistan? Nigeria? Äthiopien? Es ist sehr schwer, sich eine Reform auch nur vorzustellen."
"Ich stimme nicht der These zu, dass diese Ära schon komplett vorbei ist", sagt hingegen Johannes Thimm, Forschungsgruppenleiter Amerika bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. "Völkerrecht ist sehr vielfältig und schließt auch ganz viel mit ein, was man gar nicht so wahrnimmt in den täglichen Beziehungen zwischen Staaten, diplomatische Gepflogenheiten, Verträge und so weiter. Und da ist noch ganz schön viel da, was man nicht so richtig merkt, weil es nicht so spektakulär ist."
Doch sei völlig zweifelsfrei, dass in letzter Zeit vermehrt gegen Völkerrecht verstoßen werde - etwa durch Angriffskriege wie in der Ukraine und Iran. Und auch Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht wie in Gaza seien eine Herausforderung für die multilaterale Ordnung.
Als weiteren Faktor, der dem Multilateralismus Stabilität entzieht, nennt Thimm die Rückzüge der USA aus Dutzenden internationalen Organisationen und Verträgen, darunter die Weltgesundheitsorganisation, das Pariser Klimaabkommen und die Klima-Rahmenkonvention der UN sowie die Kulturorganisation UNESCO. Erst kürzlich hat die US-Regierung noch einmal die Gangart gegen den von ihr kritisierten Internationalen Strafgerichtshof verschärft. "Wenn der immer noch mächtigste Staat so handelt", meint Thimm, "dann ist das eine Gefährdung für das System als Ganzes. Also stärker, würde ich sagen, als wenn Russland zum Beispiel einen Angriffskrieg führt."
Alte Bündnisse bröckeln, neue entstehen
Trump verweist gerne auf die Monroe-Doktrin von 1823, die die westliche Hemisphäre als exklusive Einflusszone Washingtons beschreibt. Auf die Gegenwart übertragen könnte das bedeuten: Der Rest der Welt wird nicht mehr von Amerika dominiert, sondern von anderen Groß- und Mittelmächten - eine multipolare Weltordnung nach dem Abgang der bisherigen Ordnungsmacht USA.
Für viele Staaten birgt der Umbruch das Risiko, an Einfluss zu verlieren; für andere kann es jedoch auch Antrieb sein, sich gerade jetzt neu zu positionieren und mit eigenen Bündnissen ihren Platz in einer multipolaren und nicht mehr westlich dominierten Welt zu sichern. Nicht zufällig hat etwa auch das BRICS-Bündnis an Bedeutungszuwachs erfahren und neue Mitglieder aufgenommen, das immer selbstbewusster ein Gegengewicht zur westlich geprägten internationalen Finanzarchitektur, das sogenannte Bretton-Woods-System, errichten will.
Teresa Pinto sagt: "Viele afrikanische Staaten erkennen, dass die früheren Modelle für sie nicht so vorteilhaft waren in Bezug auf nachhaltiges Wachstum. Also ergreifen sie die Chance. Und das geht einher mit der Rückkehr der Geopolitik: Lange glaubten wir, dass Geopolitik Geschichte ist, aber das ist sie nicht."
Denn auch sicherheitspolitisch organisiert die Welt sich neu. In der NATO droht der weitere Rückzug der USA oder sogar ein militärischer Angriff von innen, sollte Trump seine Ansprüche auf das von Dänemark verwaltete Grönland weiter verfolgen. Im Indopazifik, vor allem aber im Nahen Osten zweifeln US-Verbündete an der Verlässlichkeit amerikanischer Beistandsversprechen und suchen nach neuen Allianzen. So haben Anfang August Saudi-Arabien, die Türkei und die Atommacht Pakistan den Mekka-Verteidigungspakt mit NATO-ähnlichen Beistandsgarantien ins Leben gerufen. Der Pakt oder auch die europäische Koalition der Willigen zur Unterstützung der Ukraine gelten als Beispiele für die aufstrebenden kleineren und agileren Formate, die mitunter als "Minilateralismus" bezeichnet werden.
In vielen Fällen werden militärische und diplomatische Anstrengungen zusammen gedacht. "Eine regellose Welt hilft nur den Starken", sagt SWP-Experte Thimm. "Alle anderen, ob mittelstark oder schwach, geraten da unter die Räder. Und deswegen hat natürlich Europa, was ich zu den Mittelstarken zählen würde, ein großes Interesse daran, eine Art von Ordnung zu erhalten. Also dass es nicht die Welt ohne Regeln gibt, wo der Stärkere sich und seine Interessen einfach durchsetzt."
Neben militärischen Überlegungen suchen viele Staaten jedoch auch nach neuen, breiter aufgestellten wirtschaftlichen und politischen Partnerschaften. Teresa Pinto rechnet mit einem Bedeutungszuwachs regionaler Bündnisse, die bessere Resultate hervorbringen könnten als Mechanismen auf globaler Ebene. So habe die UN-Handelsorganisation WTO zwar im 20. Jahrhundert viel bewirkt, funktioniere nun aber schon länger nicht mehr. "Jetzt ist es vielleicht nützlicher, über regionale Ansätze wie die Afrikanische Freihandelszone nachzudenken."
Die Vereinheitlichung der afrikanischen Märkte gilt als vielversprechender Lösungsansatz für viele Probleme; die weitere Implementierung der seit 2018 von fast allen afrikanischen Staaten ratifizierten Freihandelszone verläuft jedoch eher schleppend.
Wessen Interessen dient eine künftige Weltordnung?
Teresa Pinto nennt drei Faktoren, die die künftige Machtverteilung in einer multipolaren Welt beeinflussen können: Souveränität, den Zugang zu Ressourcen, und nicht zuletzt die Demografie: Junge, wachsende Gesellschaften in Afrika oder Asien könnten sich unverzichtbar machen. "Indien kann bis zum Ende des Jahrhunderts zur Supermacht aufsteigen", meint Pinto.
Ein Bedeutungsverlust der USA, der Machtzuwachs anderer Akteure wie China, Minilateralismus und regionale Allianzen - noch ist nicht seriös zu beantworten, welche Weltordnung sich aus diesen Puzzleteilen zusammensetzen wird.
Zumindest kurzfristig fürchtet Johannes Thimm jedoch: "Die Welt wird gewalttätiger werden. Es wird mehr Kriege geben. Die Kriege werden brutaler werden. Es wird schwieriger sein, überhaupt Zusammenarbeit zu organisieren. Also ich weiß nicht, was passiert, wenn die nächste Pandemie ausbricht. Ich weiß nicht, was passiert, wenn die nächste globale Finanzkrise ausbricht." Und dann sei da noch die Klimakrise als zentrale Herausforderung, die nur gemeinsam gelöst werden könne.