Yayoi Kusama ist tot
27. August 2026
Yayoi Kusama war eine der größten zeitgenössischen Künstlerinnen Japans. Sie war zuletzt vor allem bekannt für ihre Instagram-affinen "Infinity Rooms” - begehbare Installationen aus Spiegeln und Lichtpunkten - sowie ihre großformatigen Polka-Dot-Skulpturen. Ihre Werke wirken oft verspielt, doch dahinter steht die Geschichte einer Frau, die enorme gesellschaftliche und gesundheitliche Herausforderungen zu überwinden hatte.
Geboren 1929, hatte Yayoi Kusama mit zehn Jahren zum ersten Mal Halluzinationen. Punkt- und Netzmuster legten sich vor ihrem inneren Auge über alles, was sie sah. Auslöser war ihrer Ansicht nach psychischer Stress, verursacht durch ihre lieblose Mutter, die sie vom Malen abhalten und in traditionelle Verhaltensmuster zwingen wollte. Die Halluzinationen haben sie ihr Leben lang nicht verlassen, doch Kusama lernte mit ihnen umzugehen - indem sie sie in Kunst verwandelte. "Meine Kunstwerke sind Ausdruck meines Lebens, insbesondere meiner psychischen Erkrankung", sagte Kusama einmal gegenüber dem "Bomb Magazine".
Nach einem Besuch der Kyoto School of Arts and Crafts hatte Kusama erste Ausstellungen in ihrer Heimat. Ihre psychische Erkrankung verheimlichte sie nicht, damals ein großer Tabubruch.
Yayoi Kusamas Flucht nach New York
In Japan wurde es der jungen Frau bald zu eng. "[Meine Eltern] versuchten ständig, mich in arrangierte Ehen mit Männern zu drängen, die ich noch nie getroffen hatte", erzählte Yayoi dem Schriftsteller Andrew Solomon einmal und beschrieb ihre frühen 20er Jahre als "die Zeit meines Nervenzusammenbruchs". Sie fühlte sich zunehmend wie "eine Gefangene, umgeben von einem Vorhang der Entpersönlichung". Schließlich entzog sie sich den Konventionen und Rollenvorstellungen des Nachkriegsjapans und ging 1958 nach New York. Kusamas Mutter gab ihr finanzielle Starthilfe - unter der Bedingung, dass sie nie mehr nach Japan zurückkehrte.
Künstlerkollegin Georgia O'Keeffe, die Kusama zuvor eine Auswahl ihrer Arbeiten geschickt hatte, half ihr, auf dem neuen Kontinent Fuß zu fassen. Kusama arbeitete häufig ganze Tage durch, erschuf unzählige Werke. Bald gehörte sie zum exklusiven Kreis der New Yorker Avantgarde: Ihre monochromen Netzmuster, die Infinity Nets, erregten Aufsehen bei ihrer ersten Ausstellung. Mit ihren seriellen Wiederholungen ähnelten ihre Arbeiten denen Andy Warhols. Ihre Stoffskulpturen, meist phallusförmig, erinnern an die etwa zeitgleich entstandenen Arbeiten von Claes Oldenburg. Oder war es umgekehrt, wie Kusama selbst in ihrer 2002 erschienen Autobiografie behauptete?
In jedem Fall waren die männlichen Weggefährten kommerziell erfolgreicher als die junge asiatische Frau, was dazu beitrug, dass sie einen Selbstmordversuch unternahm, den sie mit viel Glück überlebte. Ihren Protest gegen den Gender Pay Gap äußerte Kusama unter anderem mit der Skulptur "Traveling Life" (1964): einer Leiter, die von phallischen Formen überwuchert ist und auf deren Stufen Frauenschuhe stehen. Phalli waren ein weiteres wiederkehrendes Motiv, mit dem Kusama ihre "Angst vor Sex als etwas Schmutzigem" zu verarbeiten versuchte, wie sie in ihrer Autobiografie schrieb.
Kusamas Kernthema: Rückkehr ins Universum durch Selbstauslöschung
Gleichzeitig arteten ihre diversen Happenings gegen den Vietnamkrieg in der Hippie-Community zu Sex-Orgien aus (an denen sie sich nicht beteiligte). "Warum sollten Menschen, die Lust miteinander teilen, in den Krieg ziehen und andere töten? Durch freien Sex lässt sich die Mauer zwischen mir und den anderen einreißen", schrieb Kusama in ihrer Autobiografie. Oft bemalte sie nackte Frauen- und Männerkörper mit Punkten, die zu einem Verschwinden der Individualität der Bemalten führen sollten. "Self-Obliteration" (dt. Selbstauslöschung) nannte sie dieses Konzept; es zog sich durch ihr gesamtes Werk: "Durch die Auslöschung des eigenen Selbst kehrt man ins unendliche Universum zurück", sagte Kusama einmal.
Kritik am Kunstmarkt übte Kusama 1966 provokativ mit "Narcissus Garden", als sie vor dem Eingang der Biennale in Venedig (zu der sie nicht eingeladen war) 1500 reflektierende Kugeln auf den Rasen legte und diese für zwei Dollar pro Stück verkaufte, bis Biennale-Offizielle dem Ganzen ein Ende setzten.
Viel später, 1993, wurde sie dann tatsächlich zur Biennale eingeladen. "Das ist der beste Moment meines Lebens", sagte sie damals der Financial Times. "Ich möchte noch berühmter werden, immer noch berühmter." Für dieses offen zur Schau gestellte Streben nach Ruhm wurde sie anschließend kritisiert.
Ausverkaufte Ausstellungen: Yayoi Kusamas später Ruhm
Im hohen Alter wurde sie dann tatsächlich zum Superstar - so wie sie es sich immer gewünscht hatte. Heute könnte sie kaum berühmter sein: 2018 verkaufte das The Broad Museum in Los Angeles 90.000 Tickets an einem Nachmittag für seine Kusama-Ausstellung. Eine für ein Jahr angesetzte Schau in der Londoner Tate Modern 2022 war in kürzester Zeit ausverkauft, ebenso die einjährige Verlängerung. Ihre Kunstwerke erzielen längst Millionenpreise auf Auktionen.
Yayoi Kusama lebte seit 1973 wieder in Japan, wo sie ihre Depressionen behandeln ließ. Produktiv war sie bis zum Schluss - natürlich. "Ich werde weiterhin Kunstwerke schaffen, solange meine Leidenschaft mich dazu antreibt", sagte sie einst dem "Bomb Magazine". "Ich bin zutiefst bewegt, dass so viele Menschen meine Fans sind. (...) Ich glaube, ich werde erst nach meinem Tod erfahren, wie die Menschen meine Kunst bewerten. Ich schaffe Kunst zur Heilung der gesamten Menschheit."
Derzeit ist eine große Retrospektive der Künstlerin in Amsterdam zu sehen. Dieselbe Werkschau gastierte zuvor im Museum Ludwig in Köln und war mit mehr als 480.000 Besuchern die erfolgreichste Ausstellung, die das Museum jemals gezeigt hat.
Nun ist Yayoi Kusama im Alter von 97 Jahren gestorben. Nach Angaben des nach ihr benannten Museums in Tokio starb die Künstlerin bereits am 14. August in einem Krankenhaus der japanischen Hauptstadt.