Kunst als Zuflucht: Superstar Yayoi Kusama
11. März 2026
Yayoi Kusama ist eine der größten zeitgenössischen Künstlerinnen Japans. Sie ist bekannt für ihre Instagram-affinen "Infinity Rooms” - begehbare Installationen aus Spiegeln und Lichtpunkten - sowie ihre großformatigen Polka-Dot-Skulpturen. Ihre Werke wirken oft verspielt, doch dahinter steht die Geschichte einer Frau, die enorme gesellschaftliche und gesundheitliche Herausforderungen zu überwinden hatte.
Mit etwa zehn Jahren hatte Yayoi Kusama zum ersten Mal Halluzinationen. Punkt- und Netzmuster legten sich vor ihrem inneren Auge über alles, was sie sah. Auslöser war ihrer Ansicht nach psychischer Stress, verursacht durch ihre lieblose Mutter, die sie vom Malen abhalten und in traditionelle Verhaltensmuster zwingen wollte. Die Halluzinationen haben sie bis heute nicht verlassen, doch Kusama hat gelernt mit ihnen zu leben - weil sie sie in Kunst verwandelt. "Meine Kunstwerke sind Ausdruck meines Lebens, insbesondere meiner psychischen Erkrankung", sagte Kusama einmal gegenüber dem "Bomb Magazine".
Nach einem Besuch der Kyoto School of Arts and Crafts hat Kusama erste Ausstellungen in ihrer Heimat. Ihre psychische Erkrankung verheimlicht sie nicht, damals ein großer Tabubruch. "Es war außergewöhnlich, dass sie so offensiv damit umgegangen ist”, erklärt Stephan Diederich im DW-Gespräch. Er ist der Kurator der großen Kusama-Retrospektive im Kölner Museum Ludwig (Start: 14. März). "Für sie war die Kunst eine Überlebensstrategie und Selbsttherapie, das hat sie auch immer so nach außen kommuniziert, ohne es in den Vordergrund zu stellen."
Kusamas Flucht nach New York
In Japan wird es der jungen Frau, geboren 1929, bald zu eng. "[Meine Eltern] versuchten ständig, mich in arrangierte Ehen mit Männern zu drängen, die ich noch nie getroffen hatte", erzählte Yayoi dem Schriftsteller Andrew Solomon einmal und beschrieb ihre frühen 20er Jahre als "die Zeit meines Nervenzusammenbruchs". Sie fühlte sich zunehmend wie "eine Gefangene, umgeben von einem Vorhang der Entpersönlichung". Schließlich entzieht sie sich den Konventionen und Rollenvorstellungen des Nachkriegsjapans und geht 1958 nach New York. "Sie war da außergewöhnlich selbstbewusst und zielgerichtet in ihrem Willen, ihren eigenen Weg zu gehen und Karriere zu machen", so Diederich. Kusamas Mutter gibt ihr finanzielle Starthilfe - unter der Bedingung, dass sie nie mehr nach Japan zurückkehrt.
Künstlerkollegin Georgia O'Keeffe, der Kusama zuvor eine Auswahl ihrer Arbeiten geschickt hat, hilft ihr, auf dem neuen Kontinent Fuß zu fassen. Kusama arbeitet häufig ganze Tage durch, erschafft unzählige Werke. Bald gehört sie zum exklusiven Kreis der New Yorker Avantgarde: Ihre monochromen Netzmuster, die Infinity Nets, erregen Aufsehen bei ihrer ersten Ausstellung. Mit ihren seriellen Wiederholungen ähneln ihre Arbeiten denen Andy Warhols. Ihre Stoffskulpturen, meist phallusförmig, erinnern an die etwa zeitgleich entstandenen Arbeiten von Claes Oldenburg. Oder ist es umgekehrt? "Sie hat das sehr selbstbewusst thematisiert, dass sie die Pflöcke eingeschlagen hat, auf die sich ihre männlichen Kollegen nachher bezogen haben", erklärt Kurator Stephan Diederich. Ob sie allerdings wirklich jeweils die Erste war, lasse sich heute nicht mehr zweifelsfrei nachvollziehen.
In jedem Fall sind die männlichen Weggefährten kommerziell erfolgreicher als die junge asiatische Frau, was dazu beiträgt, dass sie einen Selbstmordversuch unternimmt, den sie mit viel Glück überlebt. Ihren Protest gegen den Gender Pay Gap äußert Kusama unter anderem mit der Skulptur "Traveling Life" (1964): einer Leiter, die von phallischen Formen überwuchert ist und auf deren Stufen Frauenschuhe stehen. Phalli sind ein weiteres wiederkehrendes Motiv, mit dem Kusama ihre "Angst vor Sex als etwas Schmutzigem" zu verarbeiten versucht, wie sie in ihrer 2002 erschienen Autobiografie schrieb.
Kernthema: Rückkehr ins Universum durch Selbstauslöschung
Gleichzeitig arten ihre diversen Happenings gegen den Vietnam-Krieg in der Hippie-Community zu Sex-Orgien aus (an denen sie sich nicht beteiligt). "Warum sollten Menschen, die Lust miteinander teilen, in den Krieg ziehen und andere töten? Durch freien Sex lässt sich die Mauer zwischen mir und den anderen einreißen", schreibt Kusama in ihrer Autobiografie. Oft bemalt sie nackte Frauen- und Männerkörper mit Punkten, die zu einem Verschwinden der Individualität der Bemalten führen sollten. "Self-Obliteration" (dt. Selbstauslöschung) nennt sie dieses Konzept; es zieht sich durch ihr gesamtes Werk: "Durch die Auslöschung des eigenen Selbst kehrt man ins unendliche Universum zurück", sagte Kusama einmal.
Kritik am Kunstmarkt übt Kusama 1966 provokativ mit "Narcissus Garden", als sie vor dem Eingang der Biennale in Venedig (zu der sie nicht eingeladen war) 1500 reflektierende Kugeln auf den Rasen legt und diese für zwei Dollar pro Stück verkauft, bis Biennale-Offizielle dem Ganzen ein Ende setzen.
Viel später, 1993, wird sie dann tatsächlich zur Biennale eingeladen. "Das ist der beste Moment meines Lebens", sagte sie damals der Financial Times. "Ich möchte noch berühmter werden, noch berühmter." Für dieses offen zur Schau gestellte Streben nach Ruhm wird sie anschließend kritisiert.
Später Ruhm
Heute könnte sie kaum berühmter sein: 2018 verkaufte das The Broad Museum in Los Angeles 90.000 Tickets an einem Nachmittag für seine Kusama-Ausstellung. Eine für ein Jahr angesetzte Schau in der Londoner Tate Modern 2022 war in kürzester Zeit ausverkauft, ebenso die einjährige Verlängerung. Ihre Kunstwerke erzielen Millionenpreise auf Auktionen.
Yayoi Kusama lebt seit 1973 wieder in Japan, wo sie ihre Depressionen behandeln lässt und sich in eine psychiatrische Klinik begeben hat, in der sie bis heute lebt. Produktiv ist sie weiterhin - natürlich. "Ich werde weiterhin Kunstwerke schaffen, solange meine Leidenschaft mich dazu antreibt", sagte sie dem "Bomb Magazine". "Ich bin zutiefst bewegt, dass so viele Menschen meine Fans sind. (...) Ich glaube, ich werde erst nach meinem Tod erfahren, wie die Menschen meine Kunst bewerten. Ich schaffe Kunst zur Heilung der gesamten Menschheit."
Das Museum Ludwig in Köln zeigt die Retrospektive "Yayoi Kusama" vom 14. März bis zum 02. August 2026.