Vier Jahre Ukraine-Krieg: Wie sich die Front verändert hat
23. Februar 2026
Mehrere Wochen oder sogar Monate in einem engen Unterstand in der Todeszone ausharren - einem bis zu 20 Kilometer langen Abschnitt, der überwiegend von feindlichen Drohnen kontrolliert wird und auch "Killzone" genannt wird. Es gibt keine Möglichkeit, die Stellung mit einem Fahrzeug zu erreichen und im Falle einer Verwundung evakuiert zu werden. Die Versorgung mit Munition und Proviant wird ständig unterbrochen. All dies ist in den vier Jahren des umfassenden Krieges Russlands gegen die Ukraine entlang der Frontlinie zum Alltag geworden.
2022: Chaos, Bodenkrieg und westliche Waffen
Wenn die Soldaten an den Beginn des russisch-ukrainischen Krieges zurückdenken, erinnern sie sich an die vielen Freiwilligen und langen Warteschlangen vor den Einberufungsstellen. Das sei heute unvorstellbar. "Ich durfte erst im September 2022 zur Armee gehen", erzählt Oleksandr Kaschaba, den alle "Plasma" rufen. Der damals 22-jährige Kommandant eines Flak-Zuges wechselte später zum Kommando eines Maschinengewehr-Zuges.
An der Front habe damals Chaos geherrscht, erinnert sich Stanislaw Kotscherha, stellvertretender Kommandeur eines Drohnen-Bataillons. Anfang 2022 hatte er eine Ausbildung zum Flugabwehrsoldaten abgeschlossen und war wenig später zur Infanterie gekommen. "Es gab viele Einheiten, aber keine Kommunikation", erinnert er sich. Später habe sich die Frontlinie stabilisiert. "Dann begann ein echter Bodenkrieg, in dem Infanteristen, Panzer, Artillerie und die Luftstreitkräfte die wichtigsten Mittel waren. Ein klassischer Krieg, wie man ihn aus Büchern kennt", so der Soldat.
Im selben Jahr wurden ausländische Raketenwerfer, darunter vom Typ Himars, zum entscheidenden "Game Changer", meint Wladyslaw Urubkow, von der Stiftung "Come Back Alive", die die ukrainische Armee mit Fahrzeugen bis hin zu Granatwerfern ausstattet und Bildungsprojekte organisiert. "Die Himars hatten großen Einfluss auf den Erfolg der Gegenoffensive in Charkiw", betont Urubkow, der mittlerweile aus der Armee ausgeschieden ist.
2023: Drohnen und Gegenoffensive
Im folgenden Jahr begann das Militär, den chinesischen Quadcopter Mavic massiv einzusetzen. Zunächst für die Luftaufklärung, bald aber auch als Angriffsdrohne, die Sprengstoff abwirft. Später kamen Kamikaze-Drohnen hinzu.
Diese Drohnen werden seit dem Sommer 2023 von beiden Seiten massiv eingesetzt. "Ich hatte das Glück, noch in der Infanterie zu dienen, bevor die Drohnen dominierten", sagt Oleksandr Kaschaba. Aufgrund dieser Entwicklung sei fast alles, was er damals getan habe, auf dem heutigen Schlachtfeld nicht mehr möglich. Während der Gegenoffensive arbeitete Kaschaba nur anderthalb Kilometer von den russischen Stellungen entfernt mit einem großkalibrigen Maschinengewehr aus US-Produktion. Außerdem legte er große Entfernungen in offenem Gelände zurück und kümmerte sich in einem gepanzerten Fahrzeug um die Logistik. Er transportierte Munition und Proviant, wechselte Personal aus und evakuierte Menschen.
Verwundete wurden damals vier Kilometer weit mit einem gepanzerten Fahrzeug transportiert, wo ein Evakuierungsteam bereitstand. Von dort aus brachte dieses Team sie in einem nicht gepanzerten Fahrzeug zu einem Stabilisierungspunkt weiter ins Hinterland. Aufgrund der Ausweitung der Todeszone ist dies heute nicht mehr möglich. "Damals kamen Verletzte wenige Stunden nach ihrer Verwundung zu uns. Jetzt dauert es Tage", erklärt die Sanitäterin mit dem Rufnamen "Kaschan", die Teil eines Evakuierungsteams ist.
2024: Transformation der Frontlinie
Im Februar 2024 begannen die Russen, rasch in der Region Donezk vorzustoßen. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde der Mangel an Soldaten an der Front spürbar, erinnert sich Oleksandr Kaschaba, der damals wegen seiner Verwundungen ins Hauptquartier versetzt wurde.
Gleichzeitig ging die Entwicklung von Drohnen weiter. Das ukrainische Militär setzte als Erstes Hexacopter ein. Diese wurden sowohl zur Bekämpfung von Zielen und zum Ausbringen von Minen über größere Entfernungen als auch für logistische Zwecke eingesetzt. Parallel dazu wurden Mittel zur elektronischen Kriegführung entwickelt.
Laut Wladyslaw Urubkow veränderten Kamikaze-Drohnen den Krieg grundlegend. "Der größte Entwicklungssprung erfolgte Ende 2023 und Anfang 2024, als sich die Lieferungen westlicher Artilleriegeschosse verzögerten", analysiert er. Bei den damaligen Kämpfen um Awdijiwka setzten die Ukrainer FPV-Drohnen gegen die Russen ein, die ihnen in der Artillerie überlegen waren.
Für Stanislaw Kotscherha hängt die FPV-Entwicklung hingegen nicht so sehr mit dem "Mangel an Munition" zusammen, sondern ist eine Folge der Effizienz und vergleichsweise geringen Kosten von Kamikaze-Drohnen. Beide Seiten hätten gleichzeitig in größerem Umfang Angriffsdrohnen eingesetzt. "Die Einheiten an der Front mussten sich anpassen, Stellungen graben, diese tarnen und vor Drohnen schützen. Die Technik musste von der Frontlinie entfernt werden. Zu Beginn des Krieges stand ein Panzer drei Kilometer von der Linie entfernt, seit 2024 müssen es zehn bis 15 Kilometer sein. Die Reichweite der preiswerten und präzisen Munition hat zugenommen", erläutert er. In der Folge müssen sich die Infanteristen unter der Erde verstecken und können weniger beobachten. In der Folge sickerte "der Feind in kleinen Gruppen ein", so der Soldat.
2025: Kursk-Operation und Bodenroboter
Der Sommer 2024 war vom Beginn der Kursk-Offensive geprägt. Das ukrainische Militär rückte rasch auf das Gebiet der Russischen Föderation vor, konnte seine Positionen jedoch nicht halten. Im Frühjahr 2025 war die Operation beendet. Einer der Gründe für den Erfolg der russischen Gegenoffensive waren damals Glasfaser-Drohnen, die für elektronische Störmanöver unempfindlich sind. "Irgendwann haben die Russen begonnen, mit diesen Drohnen jedes Fahrzeug anzugreifen, das in Richtung Kursk fuhr", sagt "Kaschan". "Wir fuhren nachts, und es war sehr beängstigend, weil man weiß, dass man keine Möglichkeit hat, gegen solche Drohnen vorzugehen."
Zur gleichen Zeit hat die Sanitäterin beobachtet, dass die Zahl der Verwundeten sank. "Im Jahr 2024 gab es im Gebiet von Awdijiwka Tage, an denen bis zu zweihundert Verwundete zu uns kamen. Das ging dann später deutlich zurück. Das Hauptproblem ist die Todeszone, die an manchen Stellen 20 bis 25 Kilometer breit ist. Sie wurde durch den Einsatz von Technologie größer. Man kann jetzt präziser getötet werden. Das erschwert die Evakuierung Schwerverwundeter", so die Frau.
Mittlerweile beraten Militärärzte Verwundete per Videoverbindung direkt an ihren Stellungen und schicken ihnen Medikamente mit Drohnen. So können Soldaten mit Amputationen und Blutungen auch dann überleben, wenn eine Evakuierung über Wochen nicht möglich ist. Zur Evakuierung Verwundeter werden inzwischen auch Bodenroboter eingesetzt. Sie dienen auch für Lieferungen zu Stellungen und sind mit Maschinengewehren ausgerüstet.
Eine Entwicklung, die das Militär im Jahr 2025 beobachtet hat, sind Versuche, sich gegenseitig "die Augen auszustechen", also Aufklärungsdrohnen abzuschießen. Dazu arbeitet die Ukraine aktiv an Abfangdrohnen. Anfangs hätten sich damit Freiwillige befasst, doch inzwischen habe die Ukraine eine ganze Infrastruktur, sagt Wladyslaw Urubkow von der Stiftung "Come Back Alive". "Das ist eine Reaktion auf die massiv ausgeweitete Produktion von Aufklärungsdrohnen durch die Russen."
2026: Erwartungen
Aus Urubkows Sicht ist das wichtigste Ereignis zu Beginn des Jahres 2026 die Abschaltung der russischen Truppen von den Starlink-Terminals, die sie zur Koordination von Einheiten und zur Drohnensteuerung nutzten. "Unser Vorteil lag in der Nutzung von Starlink", sagt er und weist darauf hin, dass die Russen mit der Zeit ebenfalls einen Weg gefunden hätten, das Satellitennetzwerk zu nutzen. "Was wir dank Starlink an der Front alles tun können, werden die Russen hoffentlich nicht mehr können", so Urubkow.
Er hofft zudem, dass die technologische Entwicklung weitergeht: "Unter diesen Bedingungen werden die Menschen an der Front immer verwundbarer. Wir sind in einer strategischen Verteidigungsposition. Mit wenigen Ausnahmen handelt es sich bei diesem Krieg um eine strategische Offensive des Feindes, der die Initiative ergreift. Unsere Arbeit besteht hauptsächlich in der Verteidigung. Das würde ich gerne ändern."
Oleksandr Kaschaba glaubt nicht, dass die technologische Entwicklung den Kriegsverlauf noch entscheidend beeinflussen kann. "Ich denke, dass alle bedeutenden technologischen Veränderungen bereits stattgefunden haben und dass der Kriegsverlauf nun davon abhängt, wem zuerst die Soldaten ausgehen, die unter Bedingungen einer totalen Dominanz von Kamikaze-Drohnen kämpfen können", sagt er.
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk