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Zusammenrücken in der Not

Thomas Bärthlein12. Oktober 2005

Angesichts von Naturkatastrophen können alte Feindschaften verblassen. Die Erdbeben-Tragödie in Südasien verbessert möglicherweise auch die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan, meint Thomas Bärthlein.

Naturkatastrophen kennen keine Grenzen, auch keine umstrittenen "Demarkationslinien". Und so hat das Beben am Samstag (8.10.2005) in beiden Teilen Kaschmirs Verwüstungen angerichtet. Zwar sind die Schäden im pakistanisch kontrollierten Teil weitaus dramatischer, aber auch auf der indisch kontrollierten Seite hat es mehr als 1000 Tote gegeben.

Auch die berühmte "Friedens-Brücke" in Kaschmir, über die seit wenigen Monaten regelmäßig Busse von Srinagar auf der indischen nach Muzaffarabad auf der pakistanischen Seite verkehrten, ist beschädigt worden. Trotzdem scheinen sich die beiden Nachbarländer in der Not näher zu kommen.

Hilfslieferungen aus Indien: eine "kleine Revolution"

Indiens Premierminister Singh hat dem Nachbarland Pakistan jede gewünschte Hilfe angeboten. Am Mittwoch (12.10.2005) flog die erste Maschine der indischen Luftwaffe mit Hilfsgütern nach Islamabad: Mit Medikamenten, Decken, Zelten. Eigentlich nichts Spektakuläres, sollte man meinen. Aber es hat so etwas in Jahrzehnten nie gegeben.

Gewiss, noch mehr wäre denkbar: Indien hat Pakistan Hubschrauber angeboten. Entlegene Gebiete im pakistanisch kontrollierten Kaschmir, zu denen die Verkehrswege unterbrochen sind, könnten direkt von indischen Helfern versorgt werden. Doch zu solchen gemeinsamen Hilfsoperationen wird es leider nicht kommen, das Misstrauen ist noch zu groß. Für Außenstehende mag das unverständlich sein - Indien jedoch übt keinen Druck aus, sondern hat Verständnis dafür, dass Pakistan vorsichtig ist. Umgekehrt wäre es genauso.

Die Menschen im Katastrophengebiet haben im Moment wichtigere Sorgen als die indisch-pakistanischen Beziehungen. Aber es kann gut sein, dass die Grenzen infolge der Tragödie durchlässiger werden. Vom Ziel einer "weichen" Grenze in Kaschmir war schon in den vergangenen Monaten immer wieder die Rede.

"Erdbeben-Diplomatie"

Es wäre nicht das erste Mal: 1999 führten ein Erdbeben am Bosporus und die anschließenden gemeinsamen Hilfsoperationen zu einer Entspannung zwischen Griechenland und der Türkei. Dafür wurde sogar eigens der Begriff "Erdbeben-Diplomatie" erfunden. Es sind vor allem die emotionalen Erfahrungen in solchen Extremsituationen, durch die Gemeinsamkeiten - und wenn es gemeinsame Probleme sind - stärker erscheinen als alles Trennende.

Der zwei Jahre alte Friedensprozess zwischen Indien und Pakistan lebt nicht zuletzt von solchen Emotionen in der Bevölkerung. Als zum ersten Mal ein pakistanisches Kind zu einer komplizierten Herzoperation in eine indische Spezial-Klinik reiste, bestürmten wildfremde Inder die Familie mit Hilfsangeboten. Die meisten Politiker in Südasien haben zum Glück begriffen, dass sie sich solchen Sympathien auf Dauer nicht widersetzen können.

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